Free Music. Free People.
Sommer 2001. Spaziergang durch das Warschauer Sport-Stadion. Wöchentlich wird der Komplex in einem abenteuerlichen Flohmarkt umgewandelt, auf dem unzählige VerkäuferInnen von der gebrauchten Mittelformatkamera über modische Kleidung bis hin zu vor allem illegal gebrannten CDs alles mögliche anbieten.
Patrice FuchsDie CDs kosten ca. 1 Euro pro Stück und die Auswahl ist erstaunlich groß. Es findet sich höchstwahrscheinlich nicht das Album "Let´s get it on" von Marvin Gaye, aber es kann dir kaum passieren, dass nicht doch ein paar CDs darunter sind, die im Geschäft für 15 Euro zu teuer wären, aber um 1 Euro das Stück doch ein Probieren wert sind. Neben vielen "Best of"-CDs bekommt man alle gerade halbwegs erfolgreichen Alben.
Gespräche mit polnischen StudentInnen brachten folgende Erkenntnis: Die Jugendlichen in Polen sind bestrebt, halbwegs berühmte polnische Bands nicht gebrannt sondern rechtmäßig zu kaufen, um deren Existenz nicht zu gefährden. Ansonsten ist aber das Kaufen von gebrannten CDs üblich.
Da drängen sich folgende Fragen auf: Schaden Raubkopien tatsächlich den KünstlerInnen, deren Musik wir so schätzen? Müssen wir Mitleid mit der Musikindustrie haben? Wie sehen die Gewohnheiten der DownloaderInnen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die KünstlerInnen und Labels aus? Wie sehen KünstlerInnen selbst das "Downloaden"?
Wer ist gegen Downloaden und warum?
Wenn das kostenlose Downloaden von Musik zum Schaden der KünstlerInnen ist, müssten wohl gerade diese sich vehement gegen KaZaa & Co aussprechen. Dies ist aber (von einigen Ausnahmen wie "Metallica" abgesehen) nicht der Fall. Nicht die KünstlerInnen fordern und finanzieren die erschreckenden Drohungen gegen das "Raubkopieren", die KinobesucherInnen vor jedem Film vorgesetzt bekommen und die darüber aufklären, dass das kostenlose Runterladen von Songs und Filmen ein kriminelles Delikt sind. Im Gegenteil, die deutsche Band "Die Ärzte" weist sogar auf ihren Covers darauf hin, dass ihre CDs nicht kopiergeschützt sind: "Wie immer ohne Kopierschutz" steht ironisch auf der Rückseite.Millionen krimineller DownloaderInnen?
In den Kampf gegen Millionen von "kriminellen" DownloaderInnen geworfen hat sich vor allem die Musikindustrie. Sie haben sich zum Beispiel den NARAS (Stifter der Grammy-Preise) und die RIAA (Recording Industry Association of Amerika) ins Boot geholt. Gemeinsam nennen sie viele Gründe, warum das Kopieren und Downloaden zu verurteilen sei.1.) Durch das vermehrte Downloaden und Kopieren breche die Musikbranche zusammen (im Jahr 2001 gingen die Verkäufe von CDs um 10% zurück). Es werden unglaublich viele CD-Rohlinge verkauft, was darauf hinweist, wie viele CDs eben nicht mehr im Geschäft erstanden werden.
2.) Dadurch, dass die KonsumentInnen ihre Musik nunmehr kostenlos erstehen können, verlieren die InterpretInnen ihren Anspruch auf Tantieme.
3.) Die ganzen kleinen Plattenläden gehen ein, weil sich die Leute keine CDs mehr leisten wollen, seit es MP3 gibt.
Wie verhalten sich die DownloaderInnen?
Zumindest für die Musikindustrie war die Einführung der CD ein voller Erfolg. Sie hat gewaltig von der Erfindung der CD profitiert und zwar nicht, weil die CD unzerstörbar ist, wie sie damals noch behauptet hat. (Heute weiß man, das sie im Schnitt 15 Jahre hält und die obligatorischen Hänger auf CD noch penetranter sind als die "Hacks" auf einer Vinylscheibe.) Sondern weil die CD nicht ohne Qualitätsverlust kopierbar war und gleichzeitig billiger in der Herstellung. Ihr Angebot an die KonsumentInnen war, keine Platten mehr zu kaufen, die dann auf Kassette überspielbar sind, und auch nicht mehr direkt vom Radio Musik auf Kassette zu überspielen, sondern statt dessen teure CDs zu kaufen, die nicht vervielfältigbar sind. Was im Radio gefällt, muss auf CD gekauft werden, aufnehmen unmöglich. Allein die Tatsache, dass damals Millionen Leute auf CD umgestiegen sind und sich alle möglichen Alben neu kaufen mussten, hat die Verkaufszahlen der CD gesteigert. Wenn diese Aufwärtskurve langsam abflacht, ergibt das gemeinsam mit der Möglichkeit CDs zu brennen und Downzuloaden wieder einen Normalzustand. Das heißt, DownloaderInnen machen heute dasselbe, das die KonsumentInnen gemacht haben, als es die Kassette noch gab.Download-Gewohnheiten
Was wird runtergeladen? Hier finden sich drei Schwerpunkte: Auf der einen Seite, werden natürlich die sehr bekannten Nummern heruntergeladen, die schnell einfallen. Es schadet nie, einen Michael Jackson-Hit am Desktop zu haben... Aber das ist auch der Punkt: Es schadet nicht. Was noch lange nicht heißt, dass der oder die DownloaderIn ins Geschäft gegangen wäre und sich ein Album vom Jacko gekauft hätte, wenn es das Downloaden nicht gäbe.Ein anderer Grund im Internet Musik runterzuladen, ist das Austesten unbekannter MusikerInnen, ohne gleich das ganze Album zu kaufen. Ein ganzes Album wird kaum jemals runtergeladen.
Fundus verschollener Kompositionen
Außerdem gibt es viele MusikerInnen, deren Musik vom Konzern nicht nachgepresst wird und die so gar nicht mehr gekauft werden kann. Was bleibt anderes übrig, als in den Internet-Tauschbörsen danach zu fahnden. Hat ein Konzern das Recht Kompositionen von Privatpersonen dem Publikum vorzuenthalten? Nicht genug damit, dass die Musik nicht nachgepresst wird – es darf auch kein anderer sich dieser Aufgabe widmen. Somit sind diese Kompositionen verschollen. Nur im Internet kann man noch darauf stoßen.Und natürlich werden Rohlinge nicht nur zum Brennen von Musik verwendet sondern auch zur Sicherstellung von PC-Daten oder zum Transport von Daten verwendet. Allein die Unmenge an früher verkauften Disketten, die jetzt nach und nach von CD-Rohlingen abgelöst wurden, weißt darauf hin.
Was sagen die KünstlerInnen?
Um die Auswirkungen des Downloads auf die InterpretInnen aufzeigen zu können, ist es angebracht diese in zwei Gruppen aufzuteilen. Jene KünstlerInnen, die unter Vertrag bei einem Major-Label stehen und jene, die mehr oder weniger in der Independent-Szene zu Hause sind.Nehmen wir Celine Dion als ein Beispiel für jemanden, der "eher" zu den Großen gehört und sicherlich nicht auf einem kleinen Plattenlabel in Holland erscheint. Dion bringt sowohl ihrer Plattenfirma wie auch der eigenen Geldbörse ausreichend Geld - sie hat wahrscheinlich genug um 10 Leben lang auszukommen und gehört gleichzeitig zu jener Gruppe von KünstlerInnen, die am meisten von der Downloadproblemaktik betroffen sind. Dion kennt jedeR. Ein Hit von ihr ist schnell heruntergeladen. Je bekannter jemand ist, desto eher wird sein oder ihr Namen in den Computer getippt. Man könnte also annehmen, dass Dion viel Geld an die DownloaderInnen verliert.
Das Problem Major-Label
Doch nicht nur Leute wie Celine, Britney oder Justin haben Verträge bei Major Labels, sondern auch ein ganzer Haufen weniger bis kaum berühmter MusikerInnen, die von den großen Konzernen, wie Sony, Warner, EMI, Universal oder BMG sozusagen ausgetestet werden.Jetzt könnte man natürlich annehmen, dass der Verlust an Tantiemen diesen MusikerInnen viel mehr schadet und auch deren Existenz gefährden, als den großen Stars, die existentiell schon längst ausgesorgt haben und über Konzerte und Werbung allein schon ein Vermögen verdienen. Leider trifft das nicht wirklich zu. Das wird klar, wenn man sich die Vertragskonditionen der großen Labels ansieht:
Knebelverträge & Co
1.) Der Vertrag wird nicht nur über das aktuelle Album abgeschlossen, sondern über viele Alben (ca. 4 bis 7) im Voraus. Das heißt, der Konzern wird EigentümerIn der zukünftigen Arbeit des/der Interpreten/in auf viele Jahre hinaus. Das heißt aber nicht, dass der oder die KünstlerIn, wenn sie oder er mit den Vertragsbedingungen nicht einverstanden sind, die paar Alben durchkomponieren und dann aussteigen können. Denn der Konzern hat das Recht ein Album einfach abzulehnen, wenn es nicht den künstlerischen Vorstellungen des Konzerns entspricht. Andererseits darf der oder die KünstlerIn die vom Konzern abgelehnten Nummern trotzdem nicht wo anders produzieren. Dadurch kommt es oft zu einer Pattstellung, die den KünstlerInnen die Hände bindet. Sie können einfach keine Musik mehr machen.Jedenfalls keine, die ihnen gefällt. Dieses Problem hatte auch "Prince". Um aus seinem Vertrag aussteigen zu können, musste er seinen Namen aufgeben und brachte seine letzte Platte namenlos auf den Markt.
Wer bekommt überhaupt Tantiemen?
Aber wie gesagt, die großen Stars kommen schon über die Runden. Die kleinen werden geknebelt. Die Konzerne wollen sicher gehen, dass jeder Hit, der vielleicht irgendwann von einer/einem KünstlerIn komponiert wird, auf jeden Fall ihnen gehört. Das dem/der KünstlerIn dabei jede musikalische Freiheit verloren geht und auch die Möglichkeit an Musik Geld zu verdienen, ist ihnen egal.
2.) Die Tantiemvereinbarungen sind vor allem bei unbekannten KünstlerInnen sehr "sparsam", beziehungsweise schulden die KünstlerInnen oft den Konzernen Geld, da diese sie anwerben und die Produktion ihrer Platten finanzieren. Da es für den Konzern nicht gesichert ist, dass er jemals an den InterpretInnen verdienen wird, versucht er von Anfang an kein großes Risiko einzugehen. Das Risiko gibt er also an die KünstlerInnen weiter.
Verwertung zu Lasten der UrheberInnen
Erst wenn es sich wirklich auszuzahlen anfangt, sehen die KünstlerInnen auch was von der Kohle. In den USA bekommen KünstlerInnen die in den 60er oder 70er Hits geschrieben haben, genau 2% vom Gewinn ausbezahlt. Sie sind die wahren UrheberInnen dieser Werke und sind nur mit 2% beteiligt. In diesem Licht erscheint es besonderst dreist, wenn im Rahmen der Diskussionen rund um das Downloaden dauernd darauf hingewiesen wird, dass die Rechte der UrheberInnen geschützt werden müssen.Zusammengefasst heißt das: Wer bei einem großen Konzern unter Vertrag steht, ist entweder ein großer Star, der genug Geld zum Leben hat, oder einE unbekannteR MusikerIn, die an DownloaderInnen keine Tantiemen verliert, da er oder sie sowieso keine ausbezahlt bekommt.
Die Independent-Labels
Aber gehen wir zu den vielen MusikerInnen die keinen oder nicht nur Major-Label-Verträge abgeschlossen haben. Unbekanntere MusikerInnen werden auch ganz gerne runtergeladen, da sie im Geschäft nicht unbedingt angeboten werden, oder sie von FreundInnen empfohlen werden. Für sie ist das Internet zu einer kostenlose Werbeplattform geworden. Hier kann die eigene Musik verbreitet werden.Bestes Beispiel dafür ist in Österreich der FM4-Soundpark: Hier stellen mehr als 1000 MusikerInnen zahlreiche Werke zum Download und Probehören zu Verfügung. Manches davon kommt in die FM4-Charts oder auf den Soundpark-Sampler und eröffnet so überhaupt erst die Möglichkeit zu einem Plattenvertrag. Und kein Konzern hat die Finger mit im Spiel.
Vorteile für "die Kleinen"
Vor allem kleinere Stars geben an, durch das kostenlose Downloaden Vorteile gezogen zu haben. Wer sich die eine oder andere Nummer von einem/r Interpreten/in runtergeladen und daran Gefallen gefunden hat, geht gar nicht selten daraufhin ins Geschäft und bestellt sich das ganze Album. So gibt der amerikanische Musiker Ian Janis an, durch die Möglichkeit des Downloaden eine Steigerung seines CD-Verkaufs erreicht zu haben. Es geht nicht um viel Geld. 2500_ im Jahr zusätzlich in Etwa. Für die Konzerne, die teilweise hinter ihm gestanden sind, ist das kein nennenswerter Betrag, aber für ihn persönlich macht das sehr wohl was aus.Die Problematik der kleinen Plattenläden
Dass die kleinen Plattenläden vom Markt verschwinden, ist mit Sicherheit auch nicht die Schuld der DownloaderInnen, wie es die Musikbranche trommelt. Die Musikbranche hat sie selber kaputt gemacht. Denn über Megastores lässt sich viel mehr verkaufen, viel schneller Gewinne schreiben. Sie erreichen nicht nur mehr KonsumentInnen, auch die Logistik vereinfacht sich, wenn nicht 20 kleine Läden mit hunderten verschiedenen Artikeln beliefert werden müssen, sondern nur ein großer Store. Dafür kriegt dieser natürlich auch bessere Preise angeboten, mit denen die kleinen Läden ausgestochen werden. Nichts anderes ist mit den Gemischtwarenläden und kleinen Boutiquen passiert, die durch Einkaufszentren am Stadtrand vertrieben wurden.Wie geht's weiter?
In den Augen der Konzerne sind alle DownloaderInnen Kriminelle. Logischerweise hätten alle 12jährigen, die in den 80er-Jahren die Hitparade von Ö3 auf Kassette überspielt haben, auch als VerbrecherInnen gelten müssen.Es ist erschreckend, wie durch einfache Propaganda, Millionen von Menschen zu Kriminellen abgestempelt werden können. In den USA werden bereits die ersten langwierigen Gerichtsverhandlungen gegen DownloaderInnen geführt. Seither ist ein merkbarer Rückgang im Downloadbereich zu verzeichnen. Die Menschen haben Angst.
Download für Vielfalt und Austausch
Dabei ist es gar nicht fix, dass das Downloaden tatsächlich der Musikindustrie schadet. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sogar das Gegenteil wahr ist. Das Downloaden belebt die Vielfalt und die Auseinandersetzung mit Musik, und vermag sich auch aktivierend auf die Musikindustrie einzuwirken.In deren Augen ist diese Vielfalt aber nicht unbedingt von Vorteil. Gäbe es Downloaden nicht mehr, könnte man keine CD´s kopieren, könnten Menschen ihre Musik nicht austauschen, könnten unbekanntere Bands im Netz nicht positioniert werden, wäre das Konsumverhalten für die Konzerne leichter lenkbar. Wer viel Radio hört, kann davon ein Lied singen. Gespielt wird in der Regel nur, was die Konzerne wollen, weil es viel Geld kostet im Radio gespielt zu werden. Unabhängige Sender gibt es wenige, da sie im Grunde nur durch ehrenamtliche Arbeit bestehen können. Das Internet hat die Aufgabe übernommen wieder Vielfalt in den Einheitsbrei zu bringen. Wir stehen heute am Scheideweg. Wird es auch in Zukunft diese Innovationen geben, die nicht vom Geld der Konzerne abhängig sind oder werden wir gezwungen werden uns anzuhören, was uns vorgesetzt wird?
